und ich entschloss mich, kein Märtyer zu werden

Es ist keine Naivität. sich von den gewohnten, üblichen Werten, Gewohnheiten und dem gesellschaftlichem Miteinander zu distanzieren, und dabei auf eine Palette an Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten, sondern es ist Naivität, sich an den vorhandenen Strukturen zu klammern, aber über die Unnannehmlichkeiten verärgert zu sein. Die Stabilität der gewohnten Gepflogenheiten resultiert nämlich nicht aus vernünftigen, reflektierten Überlegungen, sondern aus der Geschichte der Völker und Staaten, vorallem aber der eigenen Familie, die es zu dieser Regel erst gemacht hat.

Die Beurteilung der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen für sich ist ein Mechanismus, zu dem jede autonome Person per Definition gezwungen ist; sonst wäre sie kein Mitglied der Gesellschaft. Ausserdem ist jede konkrete Handlung und jede idealistische Haltung einer Person immer ein Bezug, also ein Verhältnis, zu der in ihrem unmittelbaren Umkreis herrschenden Gesellschaftsform.

Stellt man sich nun mit seinen autonomen Vorstellungen gegen einige, oder alle Aspekte der Bräuche einer Gesellschaft, so gibt die durchschnittliche Vorstellung der Personen der etablierten Gesellschaft über die Distanz zur personifizierten Vorstellung das Maß der Kompatibilität zwischen den aufeinander treffenden Gesinnungen dar. Es ist nicht, wie man irreführend denken mag, entscheidend, wie gefährlich die alternativen Vorstellungen den Gewohnheiten werden können, sondern deren Grad an Verständnis gibt die Stärke der Hindernisse, die der individuelle Charakter inmitten einer ihm fremden Gesellschaft hat, an.

Denn so, wie es dem Ursprung der Gnade vorrausgehen muß, dass das Rechtesystem, in dem ein Ver-Brecher beim Brechen der Gewohnheit ertappt wird, so stark sein muß, das es schädigende Organismen mitragen kann, wie Nietzsche* festgestellt hat, so werden individuelle Typen mit Sicherheit getragen; aber eine Akzeptanz des Typus als Parallellebensstil kann nur durch Verständnis erreicht werden.

Weiterhin gibt es die übliche Umgangsweise, alles abnormale und unkonventionelle in Kategorien zu fassen, oder als zu vernachlässigende Phänomene zu betrachten. So ist der Bettler in den Augen der Etablierten immer ein nicht zu vermeidendes Übel der geltenden sozialen Verteilung. Wäre ein Bettler willig, der sozialen Anforderung des Systems zur Arbeit nachkommen zu wollen, so wäre es ein wirtschaftlicher Fehler, da für wenig qualifizierte Menschen keine Beschäftigung vermittelbar ist. Das mag zwar den Großteil der Fälle abdecken. Da für das soziale Miteinander aber dem Wesen nach der Markt und die soziale Ordnung primär wichtig ist, ist es für den autonomen Revoluzzer unumgänglich, alternative Lebensentwürfe,die dem des Bettlers ähneln, zu implementieren. Für seine Vorstellung der sozialen Verteilung findet er nicht genug Gehör, damit steht er alleine da. Allein ist aber keine Gesellschaft. So ist der Bettler aufgrund seiner Absurd geringen Gewichtung im Sozialen Gefüge nicht gefährlich, aber er gilt als Verstanden, was seine Duldung und auch Unterstützung erklärt. Das diese Ansicht des gnädigen Vermögenden, der spendet, falsch sein kann, ist ein weiteres Hindernis für die Etablierung alternativer Ansichten.

Der nun also dem geltendem System entsagende wird, wenn er seine alternative Weise konsequent durchzieht, nicht zwangsläufig zum Märtyrer seiner Idee, selbst wenn er doch sein ganzes Leben nur seiner Ideologie widmet. Die Reduzierung auf die elementarsten Dinge in völliger Unabhängigkeit zu bestehenden Ordnungen ist seine erste Maxime; auf dieser aufbauend folgen dann seine Wertvorstellungen. Das elementarste aber ist das, was sein Organismus als Mensch und die Natur, die er vorfindet, ihm bietet. Er ist auf einmal auf die primitivsten Grundlagen, wie der Ernährung und dem Schlafrhytmus reduziert, und geniesst soweit erstmal das Maximum an Freiheit, die einem Menschen ohne Markt und Macht, also in voller Isolation, geniessen kann. Dann, von diesem Standpunkt aus erst kann er verschiedene Gesinnungen wählen, wie er seine Freiheit durchzusetzen vermag. Er kann sich seine Bedürfnisse "kriminell" befriedigen, was die erste Stufe des Kompromisses seiner totalen Freiheit, und der geltenden sozialen Struktur, bedeuten würde. Oder, als Kompromiss zweiter Potenz geltend, kann er den Bettler wählen, der seine Bedürfnisse mithilfe der Anteilnahme am Markt erwählt. Zuletzt kann er den Weg als Schmarotzer wählen, bei der er faktisch maximal integriert, aber ideal konträr denkt.

Unabhängig für welche dieser, oder auch jeder anderen Eigenkreation er sich bedient, ist er kein Märtyrer, denn er wirbt nicht für seine Vorstellungen und missioniert nicht, sondern findet nur einen Weg, mit seinem Lebensstil parallel, aber unaufmerksam zu leben.

Der echte Märtyrer würde bis zu einem Grad der oben erwähnten Methoden gehen, und dann dort anhalten; und zum Leide seiner unmittelbaren Unversehrtheit ein Symbol der Tat setzen die als Ikone und Vorbild für die Etablierten glänzen solle.

Ich positioniere mich deutlich an der Stelle, kein Märtyrer zu sein und auf dem zweiten Grad der aufgezählten Methoden erwählt zu haben.

Solange ich also keine Entsprechend starkes Gehör bekomme, bleibe ich auf dem Parallelpfad, gleichsam unbemerkt, unwirksam. Das ist Feigheit, aber auch ein Schutz vor der Verschwendung meiner eigenen Persönlichkeit in der "großen Farce", der alle Etablierten Menschen Global auf diesem Planeten angehören.

* Friedrich Nietzsche, Genealogie der Moral, zweites Kapitel: Schuld, schlechtes Gewissen und Verwandtes, Kapitel 10

Kommentare:

  1. Die Entscheidung den Weg des Märtyrers zu gehen (und damit zu sterben oder unterzugehen) oder den Weg des Feiglings/Vernünftigen (je nachdem mit WELCHER Einstellung man auf WELCHES Feld trifft) kannst du nur im Endfall, in der letzten Wahlfrage deines Lebens, treffen. Wählst du deinen Untergang und schreitest deine Ideale umarmend, aufrecht in den Kugelhagel, bist du automatisch ein Märtyrer, unabhängig davon ob du nachher als Ikone hochgehalten wirst oder nicht.
    Da du als Bettler allerdings von der Gesellschaft niemals auf Leben und Tod gezwungen wirst dich wieder in sie zurückzubegeben, ist es für dich in deiner Situation unmöglich Märtyrer zu werden, selbst wenn du es wolltest. Ergo kannst du dich auch nicht entschliessen kein Märtyrer zu werden.

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  2. Zu deinem Kommentar habe ich eine Frage und eine Anmerkung. Zunächst die Frage: Wie kommst du darauf, das die Entscheidung, Märtyrer oder Feigling zu sein erst an der "letzten Wahlfrage" des Lebens zu treffen ist, wo man sich als Person doch ständig Wahlfragen beantwortet, von denen die letzte meist noch weit entfernt ist? Oder hab ich deinen Begriff der "letzten Wahlfrage" hier falsch verstanden?

    Nun die Anmerkung:
    Es ist sehr wohl ein Gesellschaftszustand denkbar, in dem der Bettler gezwungen wird, nicht mehr zu betteln, in dem er zur Entscheidung der Integration oder des Todes gezwungen wird. Ich denke, der Trend geht speziell im modernen Gefühl des Bürgers der westlichen Welt dazu über, den Bettler als etwas zu betrachten, das man "aus dem Bild" schaffen sollte, etwas, das wie Müll behandelt werden sollte. Und so wie die Müllabfuhr bezahlt wird, ist auch eine Institution zur Bereinigung des Stadtbildes in Bezug auf Menschenmüll denkbar...

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  3. Die letzte Frage in diesem Falle wäre, wie schon erläutert, ob du als Märtyrer gehen willst oder eben nicht. Entscheidest du dich dafür, war das damit auch deine letzte Wahl, weil du danach tot bist.
    Und ob theoretisch ein Gesellschaftszustand möglich wäre indem du als Bettler auf Leben und Tod gezwungen wärest, ist irrelevant. Fakt ist, dass es nicht der Fall ist und du kein Märtyrer werden kannst selbst wenn du es wolltest. Daher kannst du dich auch nicht gegen das Märtyrertum entscheiden, weil du bisher noch nicht in der entsprechenden Lage warst.

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  4. Ok, ich habe verstanden, was du meinst, und würde bedingt zustimmen. Ich sehe das aus der Perspektive, das ich mich selbst ständig als nicht-Märtyrer wähle; das ich also jeden Morgen wach werde und jedes mal weiter abwäge, das mein gesellschaftlicher Status auch heute "Nicht-Märtyrer" sein wird. Somit findet die Entscheidung ständig statt.

    Das die Entscheidung zum Märtyrer die letzte Wahl ist, ist richtig. Mir geht es nur darum, klar zu stellen, das die Option zum Märtyrer-Werden ständig besteht, und ich mich täglich dagegen entscheide.

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  5. Die Entscheidung Märtyrer zu werden besteht für dich NICHT jeden Tag, weil du nicht täglich (und auch niemals) gefragt wirst, ob du lieber sterben würdest, als in die Gesellschaft zurückzukehren. Du kannst dich nicht dazu entschliessen kein Märtyrer zu werden und anscheinend liegt ein grundlegendes Miss-/Unverständnis des Märtyrerbegriffs vor.

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  6. Ihr habt doch alle eine Meise !!!!

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